Title:

Ein Oelbrand

Description:  Story by Karl May
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Ein Oelbrand

Tötendes Feuer

Einer nicht ganz leichten Verwundung wegen hatte ich in Fort Caß am Zusammenfluß des Bighorn mit dem Yellowstrome einige Wochen lang das Lager gehütet, und das war eine recht trübselige Zeit gewesen. Nicht daß es mir an Mitteln gemangelt hätte, die Zeit meines gezwungenen Verweilens mir so angenehm wie möglich zu machen; ich hatte vier volle Maultierladungen Felle mitgebracht und ein schönes Sümmchen dafür gelöst; aber die hier gebotenen Genüsse gipfelten in Tabakrauchen und Brandytrinken. Der Tabak bestand zur Hälfte aus Surrogat, und der Brandy schien verdünnte Schwefelsäure zu sein. Außerdem gab es drei oder vier Spiele Karten, deren Bilder kaum mehr zu erkennen waren, und eine Bibliothek von drei Bänden, nämlich Shakespeares Heinrich VIII., bestehend aus Einband und Titelblatt; die andern Blätter waren bereits zu Pfropfen verwendet worden! - Voltaires Karl XII. - einmal in den Feldkessel gefallen und die Blätter infolgedessen fest zusammengeklebt; - und der vierte Band der Chronik des Oeil de Boeuf - hatte im Zuckerkasten des Majors gelegen und war von den Ameisen halb aufgefressen worden. Ausflüge konnte ich der Wunde wegen nicht mitmachen, und Besuche erhielt ich fast gar nicht, da ich überhaupt kein besonderes gesellschaftliches Talent besitze und übrigens an den Herren Militärs kein großes Wohlgefallen fand. Die Soldaten waren aus allen möglichen problematischen Elementen zusammengeworfen, und die Herren Offiziere konnten mir nicht sympathischer sein, da ich über die Erfüllung ihrer Pflichten ganz anders dachte als sie. So hatte ich mich während der Zeit meines Krankenlagers recht einsam gefühlt, und als der Arzt mir endlich den ersten Ausflug gestattete, beschloß ich, von dieser Erlaubnis gleich einen etwas umfänglicheren Gebrauch zu machen, als er es wohl beabsichtigt hatte.

Ich nahm mir daher ein gutes, indianisches Rindenkanot, legte meine Waffen zu mir und ruderte mich den Bighorn hinauf: ich wollte mir eine rechte Güte thun und wieder einmal eine ganze Nacht im Urwalde verbringen.

Proviant hatte ich nicht mitgenommen; zum Trinken gab es Wasser genug, und den Braten sollte mir meine Büchse liefern. So hatte ich mich seit frühmorgens mit einigen kurzen Unterbrechungen den Fluß hinaus gearbeitet und machte am Abend an einer Stelle Halt, welche vielleicht fünfzehn englische Meilen vom Fort entfernt sein konnte.

Das war ein stiller, einsamer Ort, so ganz nach meinem Geschmack. Der Fluß bildete hier eine seeartige Erweiterung mit mehreren, schmalen Buchten, an deren einer ich landete und das Kanot befestigte. Es wollte bereits dunkel werden; ich brannte mir ein Feuer an und briet mir einige Fische, welche ich während der Fahrt geangelt hatte. Als ich diese einfache Mahlzeit beendet hatte, legte ich noch mehr Holz in die Flamme, wickelte mich in meine Decke und legte mich nieder.

Aber von Einschlafen war noch keine Rede. Ich hatte so lange Zeit auf meinen alten, treuen Freund, den Urwald, verzichten müssen, und heute, da ich zum erstenmale wieder in seinen Armen lag, durfte ich ihm das Herzeleid nicht anthun, einzuschlafen, ohne seinen ernsten, tiefen, schwermütigen Stimmen zu lauschen.

Diese Stimmen sind von dem großen Meister der Schöpfung alle in Moll gesetzt, sind ja auch die einfachen Gesänge der Naturvölker in Moll komponiert. Ich lauschte der Abendhymne des Waldes, jenem leisen aber sonoren Sausen, welches von tief gestimmten Aeolsharfensaiten zu kommen scheint. Es umgibt und umklingt einen von allen Seiten; es kommt aus allen Richtungen, und doch kann man nicht sagen, wo es beginnt und wo seine Noten geschrieben stehen. Dazu erklang in leichtem Rhythmus das kosende Plätzchen und Glucksen der Wellen. Ein Eichkätzchen kam am Stamme einer Rüster herab, betrachtete mich mit seinen kleinen, neugierigen Aeuglein und kehrte dann beruhigt in seinen Kober zurück. Zuweilen sprang in dem Scheine, den das Feuer über das Wasser warf, ein Fisch empor und fiel mit lautem Klatschen wieder in sein Element zurück. Die brennenden Zweige prasselten in der Glut; eine Kopperhead, zu den Kreuzottern gehörend, raschelte davon; sie hatte vielleicht ihr Sommerlogis grade in der Nähe des Feuers gehabt und machte sich jetzt aus dem Staube. Ein aus dem ersten Schlafe geweckter Käfer arbeitete sich mit mikrophonem Rascheln durch das abgefallene Laub; eine kleine Mosquitenschar tanzte um den aufsteigenden Rauch einen sehr bewegten Reigen und ließ dabei ein feines, silbernes Klingen hören, welches plötzlich durch das unstäte, heftige Summen eines großen, dicken Nachtfalters unterbrochen wurde, der mit tölpelhafter Rücksichtslosigkeit mitten unter sie hineinschoß, aber auch sofort seine Strafe erlitt: er versengte sich die Flügel und fiel in die Flamme. Vis-à-vis von mir, auf der andern Seite der schmalen Bucht, erhob ein Frosch seine Stimme; er mußte ein riesenhafter Kerl sein, denn sein Quaken war ein förmliches Brüllen zu nennen. Er schien sich über meine Gegenwart höchst beleidigt zu fühlen, denn er ließ nicht jenes kurze, tief befriedigte ”Quak!“ oder jenes lang gezogene, glückselige ”Qu - aaaak!“ hören, mit dem ein normal gestimmter Froschbariton sein breites Maul aus dem Wasser schiebt, sondern es war ein höchst ärgerliches Belfern, ein beleidigendes, aller Rücksicht und Hochachtung bares Räsonieren, was er hören ließ, die reinste, ausgesprochenste Verbalinjurie, und doch halt, was war das?

Der Frosch brach plötzlich ab, und ich hörte, daß er in das Wasser zurückfuhr. Er war gestört worden; aber wodurch? von wem?

Wer jahrelang und unter tausend Gefahren sich im ”wilden Westen“ aufgehalten hat, der weiß jeden, auch den kleinsten Laut der Natur zu beurteilen. Ein Zweig knickte drüben, ein dürrer, dünner Zweig, der auf dem Boden gelegen hatte; ich hörte es deutlich, und so leise dieser Ton gewesen war, sagte er mir doch, daß er von dem Fuße eines Menschen verursacht worden sei. Zerbricht ein Aestchen, ein Zweig in dieser Höhe, so hat dies wenig zu bedeuten, denn es ist vom Winde oder von einem Tiere geschehen, knickt das Holz aber am Boden, so ist die Möglichkeit vorhanden, daß ein Mensch in der Nähe ist. Und ein alter Waldläufer weiß an dem Geräusch sehr genau zu entscheiden, ob der Zweig von dem elastischen Fuße eines schleichenden Tieres oder dem weniger biegsamen eines Menschen zerbrochen wurde. Er weiß sogar durch langjährige Uebung zu bestimmen, ob das Geräusch durch den hartsohligen Stiefel eines Weißen oder den weichen, nachgiebigen Mokassin eines Indianers hervorgebracht ist.

Ich wäre in diesem Augenblicke eine jede Wette eingegangen, daß sich ein Indianer da drüben jenseits der Bucht befinde, und dies konnte nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge keineswegs ein beruhigender Gedanke für mich sein.

Ich gestehe nämlich freimütig, selbst auf die Gefahr hin, vielerorts anzustoßen, daß ich das bisherige Verhalten der Weißen gegenüber den Roten nicht billige. Auch der Indianer ist Mensch und steht im Besitze seiner Menschenrechte; es ist eine schwere Sünde, ihm das Recht, zu existieren, abzusprechen und die Mittel der Existenz nach und nach zu entziehen. Man halte im Vereinigten Staaten-Kongreß noch so schöne Reden; man sende den sogenannten ”Wilden“ Missionäre, Agenten und alle möglichen anderen Sorten von ”Zivilisatoren“, der Unparteiische aber wird die Rede von der That zu unterscheiden wissen.

Der Indianer befand sich im vollständigen Besitze des Landes; er war Herr des Bodens und seiner Erzeugnisse; er lebte auf diesem Boden nach seiner individuellen Art und Weise und befand sich wohl dabei. Keine einzige indianische Ueberlieferung spricht von einem solchen Blutvergießen, wie es kurz nach der Einwanderung der Weißen begann und noch heute fortgesetzt wird. Die ersten Weißen wurden fast wie Götter aufgenommen und geehrt, aber diese Götter zeigten bald sehr menschliche oder vielmehr unmenschliche Eigenschaften. Man denke nur an die spanischen Konquistadores, welche das heilige Kreuz auf ihren Fahnen trugen, aber Fluren und Felder vernichteten, Städte und Dörfer zerstörten und dadurch, daß sie die Wasserleitungen in Ruinen legten, das Land in eine große Oede verwandelten. Finsterer Zelotismus, fieberhafte Goldgier, Verrat und maßlose Selbstsucht haben das Leben von Millionen friedlicher Menschen vernichtet und unsre Geschichte um die Fortentwicklung einer eigenartigen, wohlberechtigten Kulturform gebracht. So in Peru und in Mexiko. Und in den Vereinigten Staaten? Der Indianer soll sterben, und er wird also sterben, es ist daher unnütz, zu philosophieren; aber man beurteile ihn nicht nach Berichten aus zehnter und zwölfter Hand, auch nicht nach seinen jeweiligen Feindseligkeiten, zu denen er immer wieder getrieben wird; man suche ihn auf, vertraue sich ihm an und lerne ihn kennen! Er ist enthaltsam, gerecht, wahr, treu und tapfer. Hat man ihn betrogen und getäuscht, so verurteile man ihn nicht, wenn er Gleiches mit Gleichem vergilt. Treibt man ihn, ohne ihm Wort zu halten, aus einer Reservation in die andere, so wundere man sich nicht, daß er sich nicht zum heimatslosen ”Ewigen Juden“ geboren fühlt, sondern das kleine, ihm zugesagte Stückchen desjenigen Landes verteidigt, welches einst ihm ganz gehörte. Der Indianer liegt im Sterben, tausendfach verwundet und verletzt; sein Scheiden ist kein friedliches; sein Todeskampf ist vielmehr ein fürchterlicher. Das Feuerwasser, die Pocken und andre ähnliche Geschenke der Weißen haben seine Kräfte noch nicht zur Neige gebracht; er, der einstige Riese, ist noch stark genug, manchen Angreifenden im gewaltigen Todeskampfe zu erdrücken. Sein hartes Sterbebette ist das Felsengebirge, in dessen Schluchten und Kañons die letzten Kämpfe stattfinden werden. Er weiß, daß die Pueblos, Zuni, Queres und alle, welche sich ergeben haben, den langsamen, ehrlosen Tod des Verschmachtens, der Entartung gestorben sind oder noch sterben werden; er will sterben wie Held Roland, das Schwert in der Faust. Alle die sogenannten friedlichen Indianer verschwinden nach und nach, ohne ihren Namen und das Gedächtnis einer männlichen That zu hinterlassen; aber die Komanchen und Apachen im Süden und die Sioux im Norden werden, vertrieben aus ihren Savannen, sich in die Rocky Mountains zurückziehen und Schritt um Schritt im Blute ihrer Feinde waten, bis man den letzten von ihnen niederschlägt. Diese Kämpfe werden jahrhundertelang im Munde ferner Generationen fortleben, und um jeden Schädel, den der Pflug oder der Spaten des Landmanns aus der Erde stößt, wird die Sage ihr Gewebe spinnen, und die Urenkel der Sieger, gerechter als ihre Ahnen, werden dem erschlagenen Indsman ihre Teilnahme widmen und vielleicht auch - - die Konsequenzen dieses Totschlags zu tragen haben.

Das ist meine Ansicht als Mensch und als - Deutscher. Was dieses letztere Wort sagen soll, braucht man nicht erst zu erklären, obgleich es nicht im mindesten eine ethische Ueberschätzung, eine gedankenlose Selbstgerechtigkeit ausdrücken soll.

Während meines gezwungenen Aufenthaltes in Fort Cast war eine Soldatenabteilung nach Westen detachiert worden, um ”Fleisch zu machen“. Sie hatte eine Schar Sioux vom Stamme der Tetongs angetroffen, welche bereits mit der Büffeljagd beschäftigt war. Nun gilt es als Savannengesetz, daß die Jagd dem gehört, der sie zuerst unternommen hat; anstatt aber weiter zu ziehen, hatten die Dragoner sofort Anspruch auf die Beute erhoben; es war zu einem Kampfe gekommen, und die Indianer hatten unter Zurücklassung zahlreicher Gefallenen den überlegenen Waffen der Feinde weichen müssen. Die Offiziere hatten sich gegen mich dieses Sieges mitten im Frieden und auf einem vollständig freien, neutralen Gebiete höchlichst gerühmt, und es war mir nicht gelungen, ihnen eine andre, gerechtere Anschauung beizubringen. Es stand mit Gewißheit zu erwarten, daß die Sioux diesen Friedensbruch rächen würden, und darum hatte ich jetzt, als ich in meiner Nähe das Knicken eines Zweiges vernahm, alle Veranlassung, auf meiner Hut zu sein.

Ich hielt die Augen scheinbar geschlossen, blickte aber unter den gesenkten Lidern scharf herüber, wo das Geräusch sich hatte hören lassen. Die Bucht war hier höchstens zwanzig Fuß breit, und der jenseitige Rand des Gesträuches wurde von meinem Feuer hell erleuchtet. Man muß sehr scharfe, geübte Sinne besitzen, um in einer solchen Lage das Richtige zu treffen; oft aber thut der einfache Instinkt mehr als alle Schärfe der Wahrnehmungsorgane. Ich bemerkte, daß einige Zweige langsam beiseite geschoben wurden; zwei dunkelglühende Augen erschienen, schlossen sich aber sofort wieder. Der Mann da drüber war ein alter, erfahrener Krieger; er wußte, daß man des Abends das Leuchten zweier Indianeraugen recht gut bemerken kann, und ließ die seinigen also nur auf einen Moment aufblitzen. Ich sah ihren Glanz fünf- oder sechsmal erscheinen, dann erhielten die zur Seite geschobenen Zweige ihre ursprüngliche Lage wieder: der Mann hatte sich überzeugt, daß ich allein sei.

Ich hatte nur die Augen, nicht aber das Gesicht gesehen, ich wußte also nicht, ob er sich mit den Kriegsfarben bemalt hatte, ob er sich in friedlicher oder feindlicher Absicht hier befand. Jedenfalls war es geraten, das Schlimmere anzunehmen. War er allein? Befand er sich als Spion hier am Flusse? Oder befand sich eine Indianerschar in der Nähe, die mein Feuer bemerkt und ihn abgeschickt hatte, um zu sehen, wer an demselben lagere? Ich hatte allen Grund, anzunehmen, daß er allein sei. Zu Rekognoszieren schicken die Indsmen gewöhnlich junge Leute aus, die sich üben sollen; dieser Mann aber war alt und erfahren. Ich war überzeugt, daß er sich um die Bucht herumschleichen werde, um unbemerkt an mich zu kommen. Dann trat einer von zwei Fällen ein: Kam er im Frieden, so trat er plötzlich zwischen den Bäumen hervor, um mit stolzem Gruße an meiner Seite Platz zu nehmen und mir zu sagen, daß ich doch vorsichtiger sein möge; kam er aber als Feind, so wurde ich eine Leiche, ohne ihn vorher nur einen Augenblick lang bemerkt zu haben. In beiden Fällen galt es, ihm zu beweisen, daß ich wenigstens ein ebenso guter Westmann sei wie er.

Ich wartete eine Weile, dann schlug ich meine Decke auseinander, die ich ja um mich gelegt gehabt hatte, und drapierte sie, aber ohne mich zu erheben oder das geringste Geräusch zu verursachen, so am Boden hin, daß es von weitem den Anschein hatte, als ob ich noch darunter liege; dann nahm ich meine Büchse und kroch in das Dunkel der Bäume hinein.

Er mußte von links herbeikommen; ich fand unter einigen eng beisammenstehenden wilden Kirschensträuchern ein ausgezeichnetes Versteck. Vorhin hatte ich beim Scheine der kurzen Dämmerung gesehen, daß man die kleine Bucht recht gut in fünf Minuten umgehen könne; bei dem jetzt herrschenden Dunkel aber und bei der Vorsicht, welche er beobachten mußte, konnte er vor einer Viertelstunde nicht bei meinem Feuer sein.

Diese Zeit verging. Ich hielt die Augen geschlossen; er hätte ja den phosphoreszierenden Glanz derselben bemerken können, und verließ mich allein auf mein gutes Gehör. Es hatte mich noch nie im Stiche gelassen und blieb mir auch jetzt treu: Ein ganz, ganz leises, fast unbemerkbares Wehen sagte mir, daß er komme. Es war kein Geräusch, es war nur der Luftdruck, den seine Bewegung hervorbrachte. Und da, da trat auch mein Geruch in Thätigkeit: Es näherte sich mir ein eigentümlicher, unangenehmer Geruch, den ich kannte; der Mann hatte ein Opossum erlegt, ausgeweidet und gegessen. Dieses Beuteltier hat einen schlechten Geruch und wird von den Indianern nur dann gegessen, wenn es nichts anderes gibt. Dieser Geruch haftete ihm noch an, und daß er einen solchen Braten nicht verschmäht hatte, war mir der sicherste Beweis, daß er ein Kundschafter sei. Er hatte, um Zeit, Mühe und Umwege zu ersparen und das Geräusch verräterischer Schüsse zu vermeiden, das erste beste Opossum aus seinem Baumloche hervorgeholt und an diesem Fleische seinen Hunger gestillt.

Jetzt war er da, so nahe bei mir, daß ich ihn fast mit der Hand erreichen konnte. Er kroch an mir vorüber, langsam und lautlos, mit dem Leibe am Boden wie eine Schlange. Wer dieses Anschleichen nicht selbst versucht hat, glaubt gar nicht, welch eiserne Muskeln und stählerne Nerven dazu gehören, sich mit lang gestrecktem Körper nur auf den Spitzen der Füße und Finger über die Erde hinzuschieben. Benutzte man dabei die Sohlen der Füße, die Teller der Hände oder gar das Knie, so würde wiederholtes Geräusch ganz unvermeidlich sein. Als vorher der Zweig knickte, waren jedenfalls die Muskeln des Indianer ermüdet gewesen und er hatte infolge dessen den Boden für einen Augenblick mit dem Knie berührt. Die Stelle, auf welche man die Finger setzen will, wird vorher mit den Spitzen derselben sorgfältig untersucht, ob da nichts Zerbrechliches etc. vorhanden ist. Genau auf dieselbe Stelle kommen dann im Weiterschleichen die Fußspitzen zu ruhen. Mancher ganz gute Schütze und ganz brave Westmann bleibt während seines Lebens doch ein schlechter Anschleicher. ” La-ya-tishi , mit den Fingern sehen“ nennen die Navajoes sehr bezeichnend diese für den Feind so gefährliche Fertigkeit.

Jetzt war er an mir vorüber, und nun mußte ich handeln. Ich ließ die mir hinderliche Büchse unter den Büschen liegen und kroch ihm nach; ich erreichte ihn und schnellte mich auf seinen lang gestreckten Körper. Mit der Linken sein Genick umfassend, schlug ich ihm die geballte Faust auf den Hinterkopf - er brach besinnungslos zusammen. Nun nahm ich mein Lasso vom Gürtel und schlang es ihm dergestalt um die Arme und Beine, daß er sich nicht bewegen konnte, dann trug ich ihn, nachdem ich zuvor meine Büchse geholt hatte, nach dem Feuer. Hier legte ich ihn nieder und fachte die Glut von neuem an, um sein Erwachen genau beobachten zu können.

Es dauerte lang, ehe er die Augen aufschlug, aber trotz der scheinbar gefährlichen Situation, in welcher er sich befand, verriet kein einziger Zug seines ehernen Gesichtes eine Spur von Ueberraschung oder Schreck. Es schloß die Augen wieder und blieb wie leblos liegen, aber ich bemerkte doch, wie sich leise und heimlich seine Muskeln spannten, um die Festigung der Fesseln zu prüfen. Er trug den bloßen Haarschopf eines gewöhnlichen Indianers und war nur mit Hemde, Hose und Mokassins bekleidet, alles aus Leder gearbeitet. In seinem Gürtel sah ich ein Messer und einen Tomahawk, den Medizinsack und einen Kugelbeutel. Der letztere bewies mir, daß er sein Gewehr, vielleicht auch sein Pferd in der Nähe versteckt habe, um sich ungehindert anschleichen zu können. Ich wußte, daß er auf keinen Fall das Gespräch beginnen werde, und fragte daher in jenem Gemisch von Englisch und Indianisch, welches längs der Indianergrenze im Gebrauche ist:

”Was wollte der rote Mann bei meinem Feuer?“

” Tcha-tlo !“ antwortete er knirschend.

Dieses Wort stammt aus dem Navajoes-Dialekte und bedeutet Frosch, Großmaul, Quaker, unnützer Redner, Feigling, der sofort sich verbirgt; es enthielt also eine Beleidigung, die ich aber überhörte. Warum sprach dieser Mann im Navajoes? Er sah mir mehr wie ein Siou aus.

”Du hat recht, dich über diesen Frosch zu ärgern,“ antwortete ich; ”er hat dich verraten. Hättest du ihn nicht gehört, so wärst du nicht mein Gefangener. Was denkst du wohl, was ich nun mit dir thue?“

” Ni niskhi tsetsetsokhiskhan shi - töte und skalpiere mich!“ antwortete er.

”Nein, das thue ich nicht,“ sagte ich. ”Ich bin nicht dein Feind; ich bin ein Freund aller roten Männer. Ich nahm dich nur gefangen, um mich vor Schaden zu bewahren. Zu welchem Volke gehört du?“

” Shi tenuai !“

Das Wort tenuai heißt ”Männer“; so nennen sich die Navajoes; er meinte also ”ich bin ein Navajo“; ich aber antwortete:

”Warum sagst du mir die Unwahrheit? Ich kenne die Sprache der Tenuai; du sprichst sie nicht gut. Ich höre an deiner Aussprache, daß du ein Mann der Tetongs bist. Rede deine eigene Sprache oder die Sprache der Weißen. Ich liebe die Wahrheit und werde dir auch die Wahrheit sagen!“

Da richtete er zum erstenmale das Auge voll und forschend auf mich und sagte:

”Die Bleichgesichter sind über das große Wasser herübergekommen. Dort gibt es lichthaarige, die Engländer, und dunkelhaarige, die Spanier. Zu welchen gehörest du?“

”Zu diesen nicht und zu jenen auch nicht!“ antwortete ich.

”Das ist gut! Sie sind Lügner mit lichtem Skalp und Lügner mit dunklem Skalp. Aber zu welchem Stamme gehörst du sonst?“

”Ich gehöre zu dem großen Volke der Germany, welche Freunde der roten Männer sind und noch niemals ihre Wigwams angegriffen haben.“

”Uff!“ sagte er überrascht. ”Die Germany sind gut. Sie haben nur einen Gott, nur eine Zunge und nur ein Herz.“

”Kennst du sie?“ fragte ich, nun meinerseits überrascht.

”Nein,“ antwortete er. ”Aber ich habe von einem großen weißen Jäger gehört, der ein Krieger der Germany ist. Er tötet den Grizzly mit dem Messer; er wirft jeden Feind mit einem Schlage seiner Faust zu Boden; seine Kugel geht nie fehl, und er redet die Sprachen aller roten Männer. Er ist ihr Freund und darf mitten unter allen weilen, denn keiner wird ihm ein Leid thun.“ ”Wie heißt er?“ ”Die roten Männer nennen ihn Vau-va-shala, tödliche Hand, die weißen Jäger aber rufen ihn Old Shatterhand. Er kennt alle Tiere der Ebene und des Gebirges, denn Winnetou, der große Häuptling der Apachen, ist sein Lehrer gewesen.“

”Würdest du das Kalummet mit ihm rauchen?“

”Er ist ein großer Häuptling; ich müßte warten, bis er selbst mir die Pfeife des Friedens anböte.“ ”Er wird sie mit dir rauchen. Sage mir deinen Namen!“ ”Man nennt mich Pokai-po , das tötende Feuer.“ ”Uff! So bist du der zweite Häuptling der Sioux vom Stamme der Tetongs!“ ”Ich bin es,“ antwortete er mit stolzer Einfachheit. ”Ich habe von dir gehört. Ein Häuptling der Sioux soll nicht gefesselt vor mir liegen. Du bist frei!“

Ich nahm ihm das Lasso von den Gliedern. Er richtete sich empor, blickte mich ganz erstaunt an und sagte:

”Warum gibst du mich frei? Warum tötest du nicht den größten Feind der Bleichgesichter?“

”Weil du ein tapferer und gerechter Krieger bist. Du bist der Feind der Bleichgesichter nur deshalb geworden, weil sie selbst ihre Freundschaft mit euch gebrochen haben. Aber es gibt sehr viele große und mächtige Völker der Bleichgesichter, und darunter sind viele, welche Freunde der roten Männer sind. Du darfst nicht alle weißen Männer hassen, weil einige falsch und untreu waren. Du wolltest mich überfallen, ich aber nahm dich gefangen; dein Skalp gehörte mir, ich aber gab dich frei. Laß uns die Pfeife des Friedens rauchen und dann als Brüder von einander scheiden!“

Ich griff zur Pfeife, welche ich nach Trapperart am Halse hängen hatte, und stopfte sie. Er war sicher froh, mit heiler Haut zu entkommen, aber dennoch fragte er sich im stillen, ob es sich mit seiner Häuptlingsehre vertrage, von einem unbekannten Weißen die Pfeife angeboten zu erhalten. Darum fragte er:

”Bist du denn ein Häuptling der Weißen, und wie lautet dein Name?“

”Das tötende Feuer braucht sich nicht zu schämen, das Kallummet mit mir zu rauchen,“ antwortete ich. ”Ich bin Old Shatterhand, der Bruder aller roten Männer.“

Die Indianer sind gewohnt, selbst die überraschendste Nachricht mit der größten äußerlichen Ruhe aufzunehmen, aber kaum hatte ich den Namen genannt, welcher mir von irgend einem müßigen Trapper gegeben worden war und sich dann von Mund zu Mund fortgesprochen hatte, so sprang der Häuptling in die Höhe und rief:

”Old Shatterhand! Redest du die Wahrheit?“

”Kann das tödliche Feuer von einem gewöhnlichen Jäger überlistet und besiegt werden? Habe ich dich nicht vorhin mit einem einzigen Schlage meiner Hand niedergestreckt?“

”Aber wo ist da Winnetou, der große Häuptling der Apachen?“

Winnetou und ich waren als unzertrennlich bekannt; daher diese Frage.

”Er ist an den Quellen des Tonqueflusses, wo er mich erwartet. Ich mußte nach dem Fort Caß, um eine Wunde zu heilen. Das tötende Feuer mag Platz nehmen neben mir; oder soll Feindschaft zwischen uns sein?“

”Wir wollen Brüder sein,“ sagte er im feierlichen Tone. ”Deine Feinde sind meine Feinde, und meine Brüder sind deine Brüder. Du sollst willkommen sein in allen Zelten der Sioux, und unser Leben ist wie ein einziges; einer soll für den andern sterben!“

Von diesem Augenblicke an konnte ich sicher sein, einen neuen Freund gewonnen zu haben, der jederzeit bereit war, sein Leben für mich hinzugeben. Ich rauchte die Pfeife an, blies den Rauch nach den vorgeschriebenen Richtungen und reichte sie ihm dann hin. Er wiederholte die Zeremonie und rauchte den Inhalt des Kopfes schweigend zu Ende. Die Pfeife war ein Geschenk Winnetous. Der Thon zu dem Kopfe stammte aus den heiligen Brüchen des Nordens, und jede ausgestoßene Rauchwolke galt als ein unverbrüchlicher Schwur zum großen Geiste, die geschlossene Freundschaft bis zum Tode treu zu halten. Die Freundschaft der ”Bleichgesichter“ wird oft auch bei Tabaksqualm und Spiritusduft geschlossen, aber was ist sie wert? Sie hört auf, sobald der Qualm sich verzogen und der Spiritus sich verflogen hat!

Jetzt gab es keine Geheimnisse mehr zwischen uns, und ich erfuhr nun, was ihn an den Bighorn geführt hatte: er war als Kundschafter da, und ohne mein Zusammentreffen mit ihm wäre die Besatzung des Forts und die übrige Bewohnerschaft desselben höchst wahrscheinlich verloren gewesen.

”Die Krieger der Tetongs kamen an die Pässe des Gebirges, um den Büffel zu jagen, der dort vorüber kommt,“ sagte der Häuptling. ”Sie hatten eine gute Jagd, denn der Büffel kam mit seinen Frauen und Kindern in einer großen Herde, wie man sie seit vielen Sommern nicht gesehen hatte. Die Söhne der Tetongs sind stark und tapfer, darum lagen die Büffel und die Kühe zu großen Scharen tot am Boden. Da aber kamen die Bleichgesichter, welche bunte Kleider tragen, und verlangten, daß man die Büffel ihnen überlasse. Sie hatten mehr Feuergewehre als die roten Männer. Diese wehrten sich, mußten aber weichen und ließen dreimal fünf und noch drei Tote zurück. Waren die Bleichgesichter in ihrem Rechte?“ ”Nein,“ mußte ich leider antworten. ”Das denken die roten Männer auch. Darum haben sie den Medizinmann gefragt und einen großen Rat gehalten. Der große Geist hat ihnen einen Sieg verheißen, wenn sie die verräterischen Bleichgesichter angreifen. Nun sind sie ausgezogen, um den Feind zu bestrafen. Sie liegen im Walde und haben das tödliche Feuer ausgesandt, nach Fort Caß zu gehen, um zu sehen, wie viele Feinde sich dort befinden und was man thun muß, um die festen Wohnungen der Bleichgesichter zu erobern.“

Das hatte ich kommen sehen! Dieser Siou sah mich heut zum erstenmale; er wußte, daß ich jetzt zu den Bewohnern des Forts gehörte, und dennoch vertraute er mir das alles an. Ist es zu verwundern, daß ich ihn für meiner Freundschaft würdiger hielt als diejenigen, welche seine Rache so - gelind gesagt - unbesonnen herausgefordert hatten? Aber durfte ich ruhig zusehen, daß das Fort überfallen wurde? Nein! Und gerade aus diesem Grunde befand ich mich gegenwärtig in einer gar nicht beneidenswerten Lage.

”Wird mein Bruder Old Shatterhand mit mir zu den Kriegern der Tetongs kommen, um das Fort zu überfallen?“ fragte er, als ich längere Zeit sinnend schwieg. ”Nein,“ antwortete ich aufrichtig. ”Warum nicht? Du hast mit mir ja das Kalummet geraucht!“ ”Ich bin dein Freund, aber auch alle Bleichgesichter sind meine Brüder.“

Ich gestehe offen, daß es mir nicht leicht wurde, diese Worte auszusprechen, und ich bekam die Folgen denn auch sofort zu hören:

”Du sagtest selbst, daß sie unrecht gehandelt haben, und dennoch willst du der Bruder dieser Verräter und Lügner sein! Ich freute mich, als ich vernahm, daß du Old Shatterhand seist, aber ich sehe doch, daß es schwer ist, der Freund eines Bleichgesichtes zu werden!“ Wie sollte ich antworten? Ich konnte leichter mit einer ganzen Herde wilder Büffel anbinden, als diesem einfachen Wilden beweisen, daß es jetzt meine Pflicht sei, sein Vorhaben an seine Feinde zu verraten.

”Ihr wollt die Bleichgesichter töten, weil Manitou es euch befohlen hat?“ frage ich. ”Ja.“ ”Nun wohl! Auch ich muß meinem Manitou gehorchen, und er sagte, daß er allein der Rächer sei.“

”Warum hat denn dieser Manitou nicht bereits längst seine roten Kinder gerächt? Oder ist dein Manitou ein anderer als der meinige? Das tödliche Feuer ist in den Städten der Bleichgesichter gewesen und hat die Reden ihrer Priester vernommen. Kennt Old Shatterhand diese Reden? Wer Menschenblut vergießt, der soll auch sterben, sagt euer Buch; deshalb sollen auch die Bleichgesichter im Fort sterben! Einer soll den andern lieben, sagt euer Buch. Warum wurden dreimal fünf und noch drei Krieger der Tetongs getötet, die doch nichts Böses gethan hatten? Ihr sollt gehorchen euern Häuptlingen, sagt euer Buch. Wenn ein roter Mann zu euch kommt und einen tötet, so wird auch er getötet, denn eure Häuptlinge sagen, daß sie das Recht dazu haben. Wenn aber ihr zu uns kommt und tötet zehnmal zehnmal zehn Männer von uns, so dürfen wir euch nicht töten, denn unsre Häuptlinge haben kein Recht dazu, sagen die eurigen. Sind denn die roten Männer Hunde und Koyoten? Es mag Bleichgesichter geben, welche uns nicht für Koyoten halten, und du gehörst zu ihnen. Ich weiß, daß du mir recht gibst, daß dir aber dein Glaube gebietet, die bösen Bleichgesichter des Forts zu warnen. Gehe hin, und thue es!“

Er erhob sich und schaute halb trotzig und halb traurig in das Feuer. Auch ich stand auf und fragte: ”Wo stehen die Krieger der Tetongs?“ ”Am Flusse aufwärts.“ ”Wie groß ist ihre Zahl?“ ”Zehnmal zehn, dreimal genommen, und noch fünfmal zehn dazu.“ Ein Weißer hätte mir diese beiden Fragen jetzt nicht noch beantwortet. Ich sagte:

”Ich werde die Bleichgesichter nicht warnen, sondern du selbst sollst es thun.“ ”Das tötende Feuer soll seine Feinde warnen?“ frage er, ganz erstaunt. ”Ja,“ antwortete ich. ”Du setzest dich mit in mein Kanot und fährst mit mir nach dem Fort. Dort verlangst du Genugthuung für deine erschlagenen Krieger. Erhältst du sie nicht, so habe ich meine Schuldigkeit gethan, und du kannst den Ort überfallen, ohne daß ich ein Wort sage.“

Er blickte sinnend vor sich nieder und sagte: ”Sie werden das tötende Feuer ergreifen und festhalten.“ ”Du bist mein Bruder; ich verspreche dir, daß du gehen kannst, sobald du willst.“ ”Sie sind treulos; sie werden dir es versprechen, aber nicht Wort halten. Kannst du dann das tötende Feuer in Schutz nehmen?“

”Glaubst du, daß Old Shatterhand sich vor diesen Bleichgesichtern fürchtet? Wenn sie mir nicht Wort halten, so werde ich mit der Büchse und dem Tomahawk mit ihnen reden.“

”Ich glaube dir und werde kommen, ganz allein, aber nicht in deinem Kanot sondern auf dem Rosse, wie es einem Häuptling der Sioux geziemt. Enokh e-i anash , lebe wohl!“

Im nächsten Augenblicke war er im Dunkel des Waldes verschwunden. Dies lag ganz und gar in der indianischen Art und Weise, obwohl ein Europäer der Ansicht gewesen wäre, daß wir noch gar vieles mit einander zu besprechen gehabt hätten. Der Wilde redet weniger und handelt desto mehr.

An Schlaf durfte ich jetzt freilich nicht denken, denn es galt, zur rechten Zeit im Fort zu sein. Es war anzunehmen, daß der Häuptling sehr bald aufbrechen werde.

Ich verlöschte das Feuer, band das Kanot los und begann die Rückfahrt, den Fluß abwärts. Das ging bedeutend schneller als die Bergfahrt, und der Morgen war noch nicht zwei Stunden alt, so sah ich das Fort am Zusammenflusse der beiden Wasser vor mir liegen. Als ich das Kanot angebunden hatte und die Höhe langsam emporstieg, bemerkte ich eine Art von Lager, welches vor den Palissaden des Forts errichtet war. Es bestand aus einfachen Zweighütten und schien eine Schar von Trappern zu Bewohnern zu haben, denn es lag eine Menge von Fallen und anderen zur Pelztierjagd erforderlichen Instrumenten da herum. Diese Leute waren während meiner Abwesenheit hier angekommen und machten, so viele ich ihrer grade jetzt bemerkte, einen nicht eben günstigen Eindruck auf mich.

Acht bis zehn von ihnen standen beisammen und übten sich im Schießen. Sie hatten ein kleines Brett an den Stamm eines Nußbaumes genagelt und mit Kreide ein Zentrum gemalt, nach welchem sie zielten. Ich wollte vorübergehen, nachdem ich ihnen einen guten Morgen geboten hatte, doch schien ich mich da in ihnen verrechnet zu haben. Der eine stellte sich mir geradezu in den Weg. Er duftete trotz der frühen Morgenstunde bereits gewaltig nach Brandy und brüllte mich mit einer Stimme an, als ob ich eine englische Meile von ihm entfernt stehe:

”Hollah, Master, hier geht man nicht vorbei. Wir haben einen Schießstand errichtet, wo gewettet wird. Der schlechteste Schuß gibt einen Drink, jedem ein volles Glas, und ein jeder, der sich außerhalb der Palissaden befindet, muß mitmachen.“

Dieser Kerl war mir außerordentlich widerlich. Wo hatte ich seine Physiognomie nur bereits einmal gesehen? Getroffen hatte ich diesen Mann bereits irgendwo, aber wann und an welchem Orte? Er mußte sich einmal in einem schlimmen Kampfe befunden haben, denn er hatte einen Hieb erhalten, der ihm die rechte Seite des Gesichtes vollständig abrasiert hatte. Er war schauderhaft anzusehen mit seiner bebarteten linken und der rohfleischfarbenen rechten Hälfte des Gesichtes.

”Man muß mitmachen? Wer hat das bestimmt, Sir?“ fragte ich.

”Ich, Master“, antwortete er. ”Ihr müßt nämlich wissen, daß ich der Anführer dieser ehrenwerten Gentlemen bin. Wir sind nach Fort Caß gekommen, um neue Munition zu kaufen und werden dann wieder ein wenig Biber fangen.“ ”So wünsche ich Euch viel Glück im Geschäft, Sir. Good bye !“ Ich wollte gehen, er aber hielt mich am Arme fest. ” Zounds ! Wollt Ihr wohl stehen bleiben und einen Drink mit uns schießen! Ich habe Euch gesagt, daß ein jeder muß!“ meinte er. ” Pshaw ! Und ich sage Euch, daß ich nicht will!“ Ich schüttelte seinen Arm ab und ging. ”Ah, ein Gentleman, der zwar ein Schießzeug trägt, aber nicht schießen kann!“ lachte er höhnisch, und die andern stimmten in sein Gelächter ein. ”Seht ihn an! Er hat gewichste Stiefel wie ein Dancingmaster und eine Haltung wie ein Noblingkutscher. Wir werden ihn schon noch zwingen, uns zu zeigen, was er mit seiner Sonntagsbüchse zu leisten vermag!“

Ich beachtete dieses Geschwätz natürlich gar nicht und trat durch das geöffnete Thor in das Fort, wo ich mich sofort zum Major begab. Dieser hatte sich soeben von seiner Nachtruhe erhoben und empfing mich entschieden mürrisch.

”Wo haben Sie gesteckt, Sir?“ fragte er mich. ”Man hat Sorge um Sie gehabt. Ein Bewohner des Forts soll nicht über Nacht fortbleiben. Sie wissen, daß ich für jedes Unglück verantwortlich gemacht werde!“

Das war ja geradezu ein Verweis, den ich erhielt! Ich hatte im Fort nur meinen dort ja bisher unbekannten Namen angegeben; daß ich der so oft genannte Old Shatterhand sei, wußte niemand, sonst hätte der Major sich wohl eines solchen Tones nicht bedient.

”O bitte, Sir,“ sagte ich daher, ”es ist mir nicht bekannt, daß ich mich bei meiner Ankunft auf Fort Caß meiner Selbständigkeit begeben hätte. Ich als Zivilist betrachte diesen Ort als gut geeignet, mir neue Kleider, Patronen u.s.w. zu kaufen und mir einige Ruhe zu gönnen, mich aber einer Disziplin zu unterwerfen, ist ganz und gar nicht meine Absicht gewesen. Uebrigens habe ich während meiner Abwesenheit für das Wohl der Ihrigen vielleicht nicht weniger gesorgt als Sie selbst.“ ”Was soll das heißen?“ fragte er kurz. ”Fort Caß sollte überfallen werden.“ ”Ah!“ rief er erbleichend. ”Von wem?“ ”Von dem Häuptling der Tetongs. Er steht mit dreihundertfünfzig Indianern hier in der Nähe. Zufälligerweise ist er mein Freund und hat mir versprochen, aus Rücksicht auf unsere Freundschaft vorläufig von jeder Feindseligkeit abzusehen. Er wird heut Fort Caß besuchen, um Genugthuung zu verlangen. Wird ihm diese verweigert, so stehe ich für nichts.“

”Oh, Sie haben ja übrigens auch sonst für gar nichts zu stehen,“ antwortete er. Er hatte sich von der ersten Ueberraschung erholt und fügte hinzu: ”Ihr Ton kommt mir recht eigentümlich vor!“

”Ich gehe auf denselben Ton ein, den Sie selbst anschlugen. Ich traf den Häuptling im Walde und habe mich beeilt, Sie zu benachrichtigen.“

”Sie trafen ihn im Walde, Sir, wie kommen Sie dazu, der Freund eines Häuptlings der Tetongs zu sein? Ich hielt Sie für einen verirrten Sommerfrischler, der sich zu weit vorgewagt hatte und für dieses Mal mit einer kleinen Schußwunde davongekommen war. Sie hatten zwar erschrecklich viele Waffen an sich herumhängen, als sie kamen, aber einen Schuß hat Sie noch niemand thun sehen.“

”Jeder nach seinem Gusto; ich kaufe mir die Munition nicht, um sie zwecklos zu verpuffen.“

”Mag sein,“ sagte er ungläubig. ”Wo und wann trafen Sie den Häuptling?“

”Ich bin nicht in der Lage, Ihnen genaue Auskunft zu geben. Es ist den Indianern Unrecht geschehen, und ich bin der Freund ihres Häuptlings; ich habe für das Fort gethan, was ich thun konnte, aber einen Verrat an dem Freunde werde ich nicht begehen.“ ”Ah, Sie wollen nicht sagen, wo die Rothäute stehen?“ fragte er. ”Nein.“ ”Ich werde Sie zwingen!“ ” Pshaw ! Es ist mir nicht angst! Ich kenne die Situation so genau, daß ich sogar dem Häuptling freies Geleit versprochen habe.“

Das war dem Offizier denn doch zu viel. ”Sind Sie bei Sinnen, Sir!“ rief er. ”Ich werde den Häuptling ganz im Gegenteile festhalten; er wird als Geisel hier bleiben!“

”So werde ich ihm entgegenreiten, um ihm zu sagen, daß er nicht kommen soll!“ ”Ich werde Sie daran zu verhindern wissen!“ drohte er. ”Versuchen Sie das!“ antwortete ich ruhig. ”Zunächst werde ich jeden niederschießen, der es wagt, seine Hand an mich zu legen, und sodann werde ich einen wahrheitsgetreuen Bericht der Tetongangelegenheit nach Washington senden. Man wird dort einsehen, daß man sich nicht stets zu wundern braucht, wenn die Indsmen zu den Waffen greifen.“ - Er starrte mich ganz erschrocken an, und als ich Miene machte, zu gehen, rief er:

”Halt, Sir! Ich kann in dieser Sache erst dann etwas unternehmen, wenn ich mich mit dem Offizierskorps beraten habe.“

”Gut, thun Sie das, und geben Sie mir dann Nachricht, ob der Häuptling freies Geleit haben soll oder nicht!“

Ich verließ ihn und ging nach dem Store, wo ich mir einen kleinen Raum gemietet hatte. Im Stalle dort stand mein Mustang. Er hatte lange ausgeruht und wieherte freudig auf, als ich ihn in den Hof zog, um ihn zu satteln. Ich that dies, weil ich auf alles gefaßt sein wollte. Ich füllte die Satteltaschen mit meinen Habseligkeiten und that ganz so, als ob ich für immer abreisen wolle; dann begab ich mich in meine Kammer zurück, um das Kommende abzuwarten.

Nach einiger Zeit sandte man mir einen Unteroffizier mit der Botschaft, daß man beschlossen habe, dem Häuptlinge freies Geleit zu bewilligen, doch war dies nicht im stande, mich vollständig zu beruhigen.

Der Raum, in welchem ich mich befand, lag dicht an der Stube, in welcher die Gäste und Käufer verkehrten; es herrschte heute dort ein ganz ungewöhnlicher Lärm, und ich vernahm bald, daß er von den fremden Fallenstellern verursacht wurde. Einmal waren zwei von ihnen in den Hof herausgetreten und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Sie standen der einfachen Bretterwand meines Raumes nicht nahe, und so hörte ich nur einige abgebrochene Sätze von ihrer Unterredung.

”Prachtvoller Mustang ... mehr wert als alle unsere Klepper.“ ”Wem mag er sein?“ fragte der andere.

”Jedenfalls einem der Offiziere.“

”Da dürften wir uns nicht daran wagen ... armseliges Leben nun ... Goldstaub und Nuggets alle ... verspielt ... wird es wohl glücken ... Oelprinz ... hat Millionen liegen.“ ”Ist es wirklich der Schwager von ...?“ ”Sicher! ... kennt ihn ganz genau ... seit zwei Jahren am Shayansee ... genau erkundigt ... bloß Flowing-wells, baut aber jetzt auch große Pumping-wells mit Dampfbetrieb.“

”Wird ein feines Geschäft ... nur keiner überleben, sonst ... daß die Sache an den Tag kommt.“

Jetzt erhob sich in der Schenk- und Ladenstube abermals ein greulicher Lärm, so daß ich kein weiteres Wort verstehen konnte, und dann verließen die beiden den Hof. Von wem und was hatten sie sich unterhalten? Je mehr ich über das Gehörte nachdachte, desto verdächtiger kam es mir vor. Es sollte etwas nicht an den Tag kommen, und darum sollte keiner leben bleiben. Hatte man es etwa auf einen Oelprinzen abgesehen? Wessen Schwager war dieser? Was hatte es für eine Bewandtnis mit dem Goldstaub und den Nuggets? Hatte ich es mit einer Band Pferdediebe zu thun? Oder trieben diese als Fallensteller maskierten Leute etwa gar das Handwerk von Bushheaders, welche besonders gern einsame Farmen oder Reisende überfallen, welche mit Goldsand aus Kalifornien über die Berge herüberkommen. Indem ich mir Mühe gab, über das Belauschte ins Klare zu kommen, hörte ich draußen auf dem Platze ein lautes Rufen:

”Ein Roter, ein Roter, ein Häuptling kommt!“

Dieser Ruf wurde auch im Store vernommen, und alle dort Anwesenden eilten hinaus, um den Indianer zu sehen. Ich that dasselbe und sah wirklich das ”tödliche Feuer“ bereits die Anhöhe heraufkommen. Er war ganz allein, draußen aber, wohl eine englische Meile entfernt, hielten drei Reiter mitten auf einer lichten Stelle, von welcher aus man das Fort im Auge haben konnte.

Der Häuptling sah heut ganz anders aus. Sein prächtig aufgezäumter Rappe trug eine langwallende Mähne und schleifte den Schweif fast an der Erde hin. Der Reiter hatte sein Haar zu einem helmartigen Schopfe gewunden, in welchem drei Adlerfedern, die Zeichen der Häuptlingswürde, steckten. Die Nähte seiner Leggins und seines Jagdhemdes waren ganz mit dem Haar erlegter Feinde befranst; an seinem Gürtel hingen nicht weniger als dreizehn in Zöpfe geflochtene Skalpe schuppenartig neben einander, und sein Mantel bestand ganz aus dem köstlichen Felle der gelben Ratte, die jetzt fast ausgestorben ist. Bewaffnet war er mit Messer, Tomahawk, doppelläufiger Büchse nebst Bogen und Köcher.

Als er durch das Thor einritt, eilte ihm alles entgegen. Er trug zwar nicht die Kriegsfarben im Gesicht, aber das Kommen eines Tetong war jetzt unter allen Umständen bedeutungsvoll. Ich trat an sein Pferd heran und streckte im die Hand entgegen. ” Hos takh-shon enokh - guten Morgen!“ grüßte er einfach. ”Ich komme allein. Erhält das tödliche Feuer freies Geleit?“

”Ja,“ antwortete ich. ”Man hat es mir versprochen.“

”Mein Bruder glaube nicht alles, was man sagt! Der Häuptling der Tetongs wird seine Waffen nicht ablegen.“ Da trat derselbe Unteroffizier herbei, welcher mich benachrichtigt hatte, und sagte dem Tetong, daß er im Beratungssaale erwartet werde, vorher aber die Waffen abzulegen habe. Der Häuptling würdigte ihn keines Blickes, sondern wendete sich an mich: ”Wo ist dieser Ort?“ ”Ich werde dich führen,“ antwortete ich ihm. ”Halt!“ gebot der Unteroffizier. ”Der Zutritt ist außer dem Häuptling einem jeden andern verboten.“

Auch ich sagte kein Wort, sondern nahm den Rappen beim Zügel und führte ihn nach dem Beratungssaale. Dieser war nichts anders als die Turnhalle der Mannschaft, in die man jetzt einige Stühle gesetzt hatte. Der Häuptling sprang vom Pferde und trat ein; der Unteroffizier meinte zu mir:

”Ich habe Befehl, das Pferd des Roten fortzubringen!“ ”Es gehört mir!“ antwortete ich und führte das Tier nach dem Store, wo ich es an einen Haken band. Nun holte ich meine Gewehre aus meiner bisherigen Wohnung und hing sie über. Jetzt war ich auf alles vorbereitet und wartete.

Eine Wache von vier Mann hielt am Eingange zur Halle Wacht, und an der andern Seite des Platzes hielten noch sechs Mann sich bereit, auf einen Wink zu Hilfe zu eilen. Man plante einen Verrat, aber ich war entschlossen, den Häuptling zu verteidigen. Ich hatte ein Messer, zwei sechsschüssige Revolver, eine geladene Doppelbüchse und einen fünfundzwanzigschüssigen Henrystutzen; wenn es mir gelang, den Saal abzusperren, so war ich meines Sieges gewiß.

So wartete ich wohl eine halbe Stunde, da erscholl im Saale ein Pfiff; die vier Mann Wache traten sofort ein, und die sechs andern setzten sich auch von fern her in Bewegung. Alle Neugierigen, welche sich bisher in einer ehrerbietigen Entfernung gehalten hatten, drängten sich herbei. Schnell stieg ich auf meinen Mustang, ergriff den Rappen des Tetong beim Zügel und ritt auf die Halle zu. Ich war eher dort als die Dragoner.

” Get you gone - packt euch! Fort!“ rief ich und drängte die Pferde zwischen die Menge hinein.

Sobald ich die Thür erreichte, sprang ich ab, trat ein und zog auch die Tiere nach, die nun mit dem hintern Teile ihrer Leiber den Eingang so ausfüllten, daß kein Mensch passieren konnte. Ein Blick in das Innere der Halle zeigte mir den Stand der Angelegenheit. Der Pfiff hatte die vier Dragoner gerufen, um den Häuptling zu entwaffnen und gefangen zu nehmen; die sechs andern sollten nachkommen, konnten aber nun nicht eintreten.

Der Tetong stand mit erhobenem Tomahawk in der Ecke, bereit, denjenigen zu töten, der die Hand an ihn legte, doch aller Augen waren jetzt auf mich gerichtet. Die Offiziere waren bewaffnet, die Dragoner ebenso, doch machte mir das nicht bange.

”Was ist das! Was wollen Sie, Sir?“ rief mir der Major entgegen.

”Sie an Ihr Wort erinnern,“ antwortete ich. ”Sie versprachen mir freies Geleit für den Häuptling der Tetongs.“ ”Das hat er erhalten; er hat frei hereingedurft.“ ”Ah! Aber er darf nicht frei hinaus?“ ”Nein, denn so viel habe ich nicht versprochen.“ ”Gut, Sir! Pokai-po, bite ta-ata - tötendes Feuer, komme her zu mir!“ Der Gerufene wollte sich in Bewegung setzen, da aber zog der Major den Revolver und richtete ihn auf mich.

”Hinaus, sonst schieße ich!“ gebot er. ” Pshaw !“ antwortete ich, indem ich nun direkt auf ihn zuschritt. ”Tötendes Feuer, sage diesen Bleichgesichtern, wer ich bin!“ ”Old Shatterhand!“ antwortete der Indianer. ”Old Shatterhand!“ wiederholten die Offiziere. Die verblüfften Mienen waren ein wahres Gaudium für mich. Der bloße Name thut oft mehr, als der Träger desselben jemals fertig bringen kann.

”Ja, Old Shatterhand bin ich, Mesch'schurs,“ sagte ich. ”Wollen Sie es glauben, oder soll ich es Ihnen beweisen? Ich habe meinem roten Freunde freies Geleit versprochen, und ich werde es ihm geben. Vorher erlauben Sie mir, an Ihrer Beratung mit teilzunehmen. Tötendes Feuer spricht nicht gut englisch, und sie verstehen die Dialekte der Sioux nicht genug; ein Dolmetscher ist notwendig. Beginnen wir also! Ob mit den Waffen oder mit der friedlichen Unterhandlung, das steht in Ihrem Belieben.“

Mancher wird in meinem Verhalten ein großes Wagnis erblicken, aber es war keins. Ich kannte meine Leute. Ein deutscher Major oder Obristwachtmeister hätte mich ganz einfach ad acta heften lassen, die guten Yankees aber hatten vor meinem Trappernamen einen solchen Respekt, daß die Unterhandlung von neuem begonnen wurde, und dank der Mühe, welche ich mir gab, verzichtete der Häuptling auf die Sühne, welche er vor meiner Ankunft verlangt hatte; er hatte das Leben von achtzehn Weißen beansprucht, ein Weißer für jeden gefallenen Tetong; ich brachte es dahin, daß er achtzehn Karabiner verlangte, und sie wurden ihm - ganz gegen das Gesetz - bewilligt.

Nun gab ich auch den Eingang wieder frei. Es hatte kein Mensch eintreten können, weil die beiden Pferde ihre Position mit den Hinterhufen verteidigten. Als wir die Halle verließen, ertönte aus der vordern Reihe der Neugierigen eine Stimme:

”Warum schlägt man diese Rothaut nicht tot? Was will sie hier unter Gentlemen? Teert und federt sie!“ Der Sprecher war kein andrer als der Fallensteller, welcher mich zum Schießen hatte zwingen wollen. ”Ja, teeren, federn!“ brüllten seine Gesellen. Handelten diese Leute in irgend einem Auftrage, oder wollten sie aus eigenem Antriebe einen Skandal anstiften, um dabei im Trüben fischen zu können, ich weiß es nicht, aber es streckten sich sofort zehn und zwanzig Arme nach dem Indianer aus. Wie auf Verabredung drängte sich ein breiter Keil von Menschen im Nu zwischen uns beide, so daß ich von ihm getrennt wurde. Ich sah sein Schlachtbeil blitzen ein vielstimmiger Schrei der Wut erscholl.

”Major, ich mache Sie verantwortlich!“ rief ich dem Offiziere zu, welcher erschrocken in meiner Nähe stand.

Ich ließ den Rappen, den ich noch gefaßt hielt, los und sprang auf meinen Mustang. Es fielen bereits Revolverschüsse. Ich nahm das Pferd hoch und gab ihm beide Sporen; es schnellte mit einem weiten Satze mitten in den Menschenknäuel hinein, und nun gebrauchte ich den Kolben meiner Büchse ebenso kräftig wie die Hufe meines braven Tieres.

Der Indianer hatte sich verteidigt, war aber von der Menge in seinen Bewegungen gehemmt, gedrückt und niedergerissen worden. Er wehrte sich noch am Boden mit aller Kaltblütigkeit eines Indsman. Meine Hiebe machten ihm Luft. Er schnellte empor, mit der Büchse wieder in der Hand, die ihm entfallen war; ihr Kolben krachte auf die Köpfe der Angreifer nieder. Alles schrie und brüllte durcheinander; Messerklingen blitzten, Revolverschüsse knatterten; ich blieb unversehrt und rief dem Häuptling zu:

" To-ok kava - spring aufs Pferd!“ Er verstand mich trotz des Geheules rund umher und flog zu seinem Rappen, welcher, scheu geworden, mit allen vieren um sich schlug. Mit einem Satze schwang er sich auf.

” Usta nai - komm, mir nach!“ Mit diesen Worten trieb ich mein Pferd zum Sprunge an; er that dasselbe durch den einfachen Schenkeldruck, da er die herabhängenden Zügel noch nicht hatte fassen können. Er stieß den gellenden Triumphschrei der Sioux aus und dann schossen wir davon, über den Platz hinweg und auf das Thor zu. Es war verschlossen, aber seitswärts waren die Planken niedriger.

”Hi - ho - hi!“ rief er und flog hinüber, ich ihm nach. Ein vielstimmiger Schrei des Erstaunen erscholl, dann rasten unsre Tiere die Anhöhe hinab und in die Ebene hinein. Niemand folgte uns, und so ließen wir die Pferde bald langsamer gehen, obgleich es keine Schande ist, unter solchen Umständen lieber die Flucht zu ergreifen als sich niederschießen zu lassen. - -

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     
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